Ansprache

von Marianne Heer anlässlich des Abschiedsessens von Giovanni im Restaurant Bären, Mägenwil

22. Februar 2020

 

Liebe Trauerfamilie

Mein Name ist Marianne. Ich bin die Tochter von Walti - diesem Mann da, der neben mir sitzt mit seinen zwei Wanderstecken. Walti hat zusammen mit Hansruedi seit Juni letzten Jahres an demselben Tisch gegessen. Hansruedi und Walti verstanden sich von Anfang an. Bei der ersten Begegnung von Hansruedi und Walti sagte Hansruedi: «Sag mir einfach Giovanni; So nannten mich die guten Kollegen früher auf dem Bau auch!»

Auch als ich selbst Giovanni, äxgüsi Hansruedi zum ersten begegnete, bat er mich, ihn Giovanni zu nennen. So ist aus «Hansruedi» - «Giovanni» entstanden. Vati Walti tat die spontane, unkomplizierte und frohe Art von Giovanni gut! Wenn Giovanni Walti erinnerte, dass er ein Glas Milch - laut Giovanni «eine Muh» trinken solle, trank Walti mit Vergnügen die Tasse Milch.

Erst seit gestern Abend verstehe ich, wieso Walti NUR GIOVANNIS Bitte folgte, ein Glas Milch zu trinken, und dass Walti noch immer zögert, wenn ihn sonst jemand zum Milchtrinken auffordert. Erst vor ein paar Tagen vertraute mir mein Vater an, dass Giovanni und Walti sich im Juni 2019 sagten, wenn sie sich früher im Leben begegnet wären, hätten sie sich vielleicht zusammen um eine Kuh-Herde kümmern können:

Wegen Giovannis vermindertem Sehvermögen wäre es Giovannis Aufgabe, die Kühe zu melken. Deshalb wäre es Waltis Aufgabe, mit seinen Wanderstöcken mit den Kühen spazieren zu gehen. Giovanni und Walti lachten anscheinend tage- und nächtelang über die Vorstellung, wie Giovanni die Kühe melkt, und darüber, wie Walti mit seinen Wanderstöcken mit den Kühen über grüne saftige Weiden springt!

Walti war überglücklich, wenn er etwas für seinen Kollegen, Giovanni, tun konnte. Wenn Walti Giovanni jeweils in die Jacke helfen konnte oder ihm erzählen konnte, wie die Wolken aussähen, die gerade am Himmel vorüberzögen, war für Walti die Welt in Ordnung. Vati schwärmte auch oft von Vögeln, ich meine von echten Vögeln, die in den Lüften schweben. Walti erzählte Giovanni während des ganzen letzten Sommers täglich, wie viele Schwalben über der Scheune, wie viele Schwalben über dem Cafeteria-Dach und wie viele Schwalben über dem Ententeich segelten. Uff! Und wisst ihr was? Giovanni schimpfte NIE über die immer gleichtönenden Erzählungen vom dementen Walti! Hansruedi Oldani regte sich nicht über seinen Zimmernachbarn auf! Er akzeptierte ihn, wie Walti nun mal ist.

Mit vollem Oldani-Charme sagte Giovanni jeweils nur zu Vati: «Du bist auch ein Vogel, Papa Heer» Über diesen Giovanni-Spruch konnten die zwei Kollegen von Herzen lachen! Mit der Zeit merkte sich Walti trotz seiner Demenz, welche Krankenschwestern Giovannis Stuhl am Tisch im Speisesaal richtig platzierten, und welche Giovannis Stuhl etwa 8 cm zu weit weg vom Tisch hinstellten, sodass Giovannis Essen hätte auf den Hosenbeinen von ihm landen können. Entdeckte Waltis Adlerauge, dass Giovannis Stuhl zu weit weg vom Tisch stand, schlich er sich jeweils um den Tisch herum und schob den Stuhl seines Zimmerkollegen näher an den Esstisch. Walti war glücklich, dass er Hansruedi helfen konnten und Giovanni war froh, dass seine Hosenbeine währenddes folgenden Essens sauber blieben.

Nachdem Hansruedi und Walti mit ihren damaligen Zimmerkollegen nicht so glücklich waren, durfte Walti ab dem 18. November dasselbe Zimmer wie Giovanni bewohnen. Vom November bis am 08. Februar durfte Walti Giovannis „bester Kollege" sein. Giovanni und Walti hörten vor dem Einschlafen zusammen Musik. Egal ob es ein Flöten- und Harfenkonzert von Mozart war, ob es Weihnachtsklänge waren, oder ob aus Giovannis CD-Player „Musik zum Träumen" ertönte, Walti war dankbar, dass er den CD-Player nicht betätigen musste. Walti sagt, er hätte sowieso nicht mehr verstanden, wie er die Musik hätte an- bzw. abstellen müsse.

Liebe Marianne, liebe Luzia, lieber Seppi, lieber Roger und lieber André (Marianne lernte ich zuerst kennen, Andre zuletzt): Vati Walti möchte, dass ich euch sage, dass Hansruedi/Giovanni der beste Freund war, den Walti je in seinem Leben hatte! Vati möchte, dass ich euch sage, dass Giovanni immer sein bester Freund bleiben werde auch über den Tod hinaus!

Ich selbst will euch danken. Vati und ich konnten leider nie eine Familienbande, wie ihr Oldanis das seid, kennenlernen. Es berührt mich, dass ihr alle mir von euren Oldani-Reiseerlebnissen erzählt habt. Ich durfte mit euch lachen und auch weinen. Es berührt mich, dass Vati Walti und auch ich bei euch sein durften, als euer lieber Hansruedi eingeschlafen ist.

Ich bin dankbar, dass ich euch kennenlernen durfte. Ich versichere euch, bei jeder «Muh» und bei jedem «Moscht», den ich in meinem Leben trinken werde, werde ich an Giovanni und an die ganze Oldani-Bande denken!

Ich han öi jede uf sini Art mega lieb.

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